Focus & Digital Balance

Blogging about Digital Detox, distraction management, unplugging and a healthy lifestyle in our hyperconnected world

Ein Gespräch über die Humanisierung des Digitalen, Politik und DIN-Norm

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Yasmin Fahimi zum Gespräch zum Thema Neue Arbeit und Digitalisierung (Foto (c) betahaus) 

Erneut hatten wir  die Gelegenheit unsere Perspektive von OFFTIME in die Politik einzubringen – und es ist an der Zeit mal wieder etwas zu dazu zu schreiben (unser letztes Posting im Zusammenhang mit Politik stammt noch vom Besuch von Manuela Schwesig und Sigmar Gabriel). Letzte Woche war Yasmin Fahimi, SPD/Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, zum Besuch ins Betahaus. Zu unserer großen Freude wurden wir von Betahausgründerin Madeleine Gummer von Mohl eingeladen gemeinsam mit Luisa Seiler von Singa, Carsten Lübbert von Klöckner.i und Chris Bleuel von Functional Aesthetics an der Gesprächsrunde mit Frau Fahimi teilzunehmen und unsere Arbeit, Erfahrungen und Sicht auf die Neue Arbeit und die Digitalisierung einzubringen.

An dieser Stelle auch noch einen Dank an Frau Fahimi und die allen anderen beteiligten Start-ups für den anregenden Austausch. Wir hoffen die Diskussion weiter fortzuführen.

Hier die Zusammenfassung der Diskussion aus unserer Sicht:

Unser Anliegen, dass in der heutigen Zeit der Digitalisierung von fast allen Bereichen des Lebens es nicht vergessen werden sollte, dass das “Digitale humanisiert” werden sollte fand ein positives Echo und Zustimmung bei Frau Fahimi. In der Diskussion konnten wir die unterschiedlichen Aspekte der Digitalisierung betrachten und festhalten wie wichtig eine nuancierte Sicht ist, wenn es um „das Digitale” geht. Welche Teile des Digitalen sind gut, welche nicht? In anderen Bereichen generalisieren wir auch. So fordern wir z.B. nicht einfach “mehr Lebensmittel, mehr Lebensmittel” wenn es um Zucker und Fett, Aroma- und Zusatzstoffe, Hunger und Ernährung, Grundversorgung und Genuss, industriellen Fertigung und nachhaltiges Wirtschaften oder gesunde und ungesunde Ernährung geht. Insbesondere wenn es uns sehr nahe geht. In Sachen Privatspähre kommen wir hier mehr und mehr zu einem Bewusstsein, generellen Haltung und  auch technische Umsetzung (in Gesetz und digitalen Angeboten). Doch andere Diskussionen fehlen noch. Sollen Aspekte wie die Gamifizierung aus der Unterhaltungsindustrie überhaupt durch die Digitalisierung in andere Teile des Lebens Einzug halten? Was sind die Effekte von einer Gamificiation von Arbeit und Freizeit – wenn wir von einer besseren Retention einmal absehen? Was sind die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft das durch ein solches behavioristisches Belohnungssystem funktioniert?

In Bezug auf Neue Arbeit und Entgrenzung haben wir in der Diskussion drei Bereiche identifiziert, die näher betrachtet werden müssen:

  1. Einfluss und die Gestaltung der Kultur der ständigen Erreichbarkeit/Vernetzung,
  2. Notwendigkeit einer Hilfestellung und reflektieren Kompetenzvermittlung im Umgang mit neuen Medien und digitalen Tools,
  3. Notwendigkeit einer Sicherstellung von technischen Möglichkeiten um seine Erreichbarkeit/Vernetzung anpassen.

Zu guter Letzt kamen wir auf DIN-Normen – angeregt von der Arbeit und den Standards im Web (z.B. W3C) an denen sich Chris/Functional Aestetics bei der Entwicklung von neuen Webseiten, Apps und Services orientieren können. Auch Frau Fahimi leuchtete es ein, dass diese bei der voranschreitenden Digitalisierung fehlen und brachte ein, dass sich die DIN-Norm etabliert hat um Standards zu setzen und die Zusammenarbeit und industrielle Fertigung zu erleichtern – und sich dann auch auf die Arbeitssicherheit für Arbeitnehmer ausgeweitet haben (meist zur freiwilligen Orientierung, teilweise übernommen ins Gesetz). So gibt es den britischen Standard BS OHSAS 18001 oder die Norm ISO 45001, die für die Zertifizierung eines international anerkannten Arbeits- und Gesundheitsschutzmanagementsystems sorgt. Ist ein möglicher Weg für eine human gestaltete Digitalisierung, die langfristig unsere mentale Gesundheit schützt, also die Festschreibung von Werten in einer ISO Norm? Und wie sollte diese aussehen?

Abschließend noch das Handout, dass wir  Frau Fahimi mit auf den Weg gegeben haben. Was denkt Ihr zu den genannten Punkten? Was fehlt? Was sollte ausgebaut werden? Wir freuen uns über Feedback und Anregungen.

 

( OFFTIME ) zum Besuch von Yasmin Fahimi

Sehr geehrte Frau Fahimi,

wir freuen uns über Ihr Interesse an der (digitalen) Günderszene und an dem Thema digitale Balance, Fokus und Vernetzung. Von vorderster Front an der Schnittstelle von Technik, Mensch und Psychologie würden wir Ihnen gerne folgendes mit auf dem Weg geben:

ARBEITNEHMERSCHUTZ IN DER DIGITALEN WELT – DAS RECHT ABZUSCHALTEN

Der Umgang mit der ständigen Erreichbarkeit/Vernetzung stellt den Einzelnen vor eine große Herausforderung – und niemand sollte damit allein gelassen werden. Der Vorstoß aus allen politischen Lagern mit dem “Anti-Stress-Gesetz” ist ein Anfang und sollte fortgeführt werden. Die französische Regierung hat Anpassungen zum Arbeitsrecht im digitalen Zeitalter gerade auf den Weg gebracht: Unternehmen müssen es ihren Mitarbeitern ermöglichen, in ihrer Freizeit einfach (digital) abschalten zu können. Eine gesetzliche Regelung fördert wichtigen Wettbewerb an der Schnittstelle von Off- und Online sowie das Wohlbefinden und die Produktivität des Einzelnen.

DIE GESTALTUNG DER (DIGITALEN) WELT – INHALTSSTOFFE UND TRANSPARENZ

Die digitale Revolution durchdringt alle Lebensbereiche und die Neuordnung unserer Lebensrealität sollte deshalb nicht allein Unternehmen und Konsumenten überlassen werden. Es ist Zeit zu realisieren, dass nicht alles was digital gemacht und konsumiert wird auch selbstbestimmt gewollt ist. (Wie wir inzwischen auch realisiert haben, dass nur wenn jemand ihm vorgesetztes Junk Food gegessen hat, es nicht unbedingt das war was diese Person wollte – ganz abgesehen von der Frage ob es nahrhaft oder gar gesund ist.) Digitale Unternehmen sollten offenlegen müssen, über welche Wege, Strategien und Mechanismen sie das Verhalten ihrer Nutzer aktiv beeinflussen und steuern (Details von Algorithmen, Feedback-Loops, Engagement-Teams, etc.), insbes. wenn es dabei um die Steigerung der Nutzung und Erhöhung der Abhängkeit/Sucht der eigenen Angebote und digitalen Dienste geht.

SYSTEMISCHE ROLLEN UND AUSGLEICHENDE KRÄFTE – WERTE UND SOZIALES

Der digitale Wandel verändert radikal wie wir Informationen konsumieren, miteinander interagieren, arbeiten und uns selbst definieren. In anderen Bereichen haben wir mit den negativen Folgen solcher Veränderungen noch zu Kämpfen, wie z.B. dem Übergang von der Lebensmittelknappheit zum Überfluss in Form von Obesitas oder an den Folgen der industriellen Revolution in Form des Klimawandel. Die industrielle Revolution hat auch ausgelöst, dass die Person (oder Faktor Mensch) geschützt wurde und wichtige soziale Grundwerte für die Gesellschaft errungen wurden. Doch welches sind die Werte die den digitalen Wandel prägen und wer nimmt die wichtige Rolle der Gewerkschaften in der digitalen Revolution ein?