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Mitten drin und doch ganz weit weg | Karl’s OFFTIME Story

Karl-Heinz Thunemann hat mit 64 Jahren bereits einige bewegte Jahre hinter sich und er interessiert sich heute vor allem für eines: “Was ist unsere Komfortzone und wie können wir sie verlassen?” Was hindert uns daran, Auszeiten zu nehmen und fernab von eingetretenen Wegen streunen zu gehen? Seine Forschung zum Thema betreibt er im Internet und im (digitalen) Austausch mit Freunden und Bekannten. In seinem Beitrag beschreibt er seine ganz persönliche Offtime-Erfahrung beim Segeln auf der Nordsee.

KarHeinzTh_ogHier ist Karl-Heinz’ Story:

Meine erste richtige und sicherlich nicht die letzte Offtime-Zeit dauerte vom 23.8.2015 bis zum 4.9.2015 und war ein geniales Erlebnis: Mein Bruder und ich hatten schon vor einem Jahr einen Segeltörn für diese Zeit gebucht und der Törn ging von Amsterdam nach Monte Carlo. Und es war insofern ein besonderer Törn, als das Segelschiff unserer Wahl einer der letzten noch fahrenden ehemaligen Flying-PLiner war, die ehemalige PADUA und heutige KRUZENSHTERN, Ausbildungsschiff für russische Kadetten unter der Oberhoheit des russischen Fischereiministeriums. Dieses Schiff nimmt keine Passagiere mit, sondern Trainees. Das heißt, man muss nicht an Bord arbeiten, darf aber – unter Anleitung – alles mitmachen, wozu man Lust hat. Ich habe mich dann während der Reise der zahlreichen Messingteile an Deck angenommen und fleißig gewienert. Außerdem machten 40 französische Kadetten ihr Praktikum an Bord, sodass Russisch, Französisch, Englisch und Deutsch gesprochen wurde. Alle Kadetten müssen während ihrer Ausbildung Englisch lernen, sodass es mit der Verständigung keinerlei Probleme gab. Mein Bruder und ich hatten für die Zeit eine gemeinsame 2-Bett Kabine mit Dusche und WC und waren mit der Ausstattung sehr zufrieden. Nachdem die Kruzenshtern die SAIL 2015 in Amsterdam unter lautem Jubel verlassen hatte und wir die offene See bei bestem Wetter erreichten, begrüßte uns der russische Kapitän, hieß uns herzlich willkommen und stellte uns unseren Betreuer, den Navigationsoffizier vor. Uns erwartete ein tolles Programm, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet hatten – und das neben der Betrachtung und Dokumentation der fortwährenden Arbeiten der Mannschaft an Deck. So bestaunten wir die Behändigkeit der Kadetten beim Hochklettern in die Masten und Rahen, also bis zu einer Höhe von ca. 55 m über dem Deck. Oder wir lauschten im schiffseigenen, wunderschönen Museum einem hochkarätigen Vortrag über die Geschichte der Kruzenshtern. Auch machten wir natürlich beim „Nudelalarm“ mit, bei dem alle in die Messen gerufen wurden, die nicht unmittelbar mit dem Betrieb des Schiffes betraut waren, zur Produktion einer russischen Nudelspezialität, vergleichbar mit gefüllten Tortellini. Auf diesem Törn wurde der Rekord erzielt: in 5 Stunden stellten alle ca. 12500 Tortellini her. Es gäbe noch vielmehr zu erzählen, entscheidend jedoch: Mich hat unter diesen Umständen als gewohnter online-freak das fehlende Internet überhaupt nicht gestört: Das Zusammentreffen mit vielen jungen Menschen aus Russland und Frankreich sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl unter uns 8 Trainees und die Erlebnisse an Bord waren ein absoluter Ausstieg in eine komplett andere, sehr faszinierende Welt. Zudem hatte ich eine enge emotionale Bindung zu diesem Abenteuer, denn mein Vater war als Jugendlicher dreimal mit der „Priwall“, einem ähnlichen Großsegler, nach Chile gefahren, sodass ich seine Erlebnisse jetzt viel besser nachvollziehen konnte. Natürlich gab es viele „Leerzeiten“, die ich mit der Betrachtung des endlosen Meeres um uns herum verbrachte und dabei etliche Male Wale und Delphine und natürlich auch mal andere Schiffe zu sehen bekam. Für mich war es ein knapp zweiwöchiges „Leben im Moment“: keine Gedanken an zuhause, keine an Vergangenheit oder Zukunft und absolut kein Bedarf nach Facebook oder meinen sonstigen geliebten Internetseiten. Und: Ich schaue mir jetzt regelmäßig den Fahrplan der Kruzenshtern an…..