Focus & Digital Balance

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Nomophobie – Wer hat hier Angst vor was?

Aus dem Film "Saw" - von seinem Handy getrennt zu werden kann problematisch sein...

Aus dem Film „Saw“ – von seinem Handy getrennt zu werden kann problematisch sein…

Schlangenphobie, Klaustrophobie – auch wenn diese Ängste in unserer heutigen Gesellschaft keinen Überlebensvorteil mehr mit sich bringen, so sind sie zumindest aus evolutionspsychologischer Sicht nachvollziehbar (Öhman, 1986; Nesse, 1990; Öhman, 2009). Ein Mensch, der aus Panik vor einer giftigen Schlange floh, hatte ganz einfach eine höhere Wahrscheinlichkeit, zu überleben und seine Gene an die zukünftige Generation weiterzugeben. Statt uns mit Säbelzahntigern und Rivalen herumzuschlagen, wird unser Leben in den letzten Jahren zunehmend von anderen Dingen bestimmt: den neuen Technologien und insbesondere dem Smartphone.

Das Smartphone  hat mittlerweile eine große Bedeutung in unserem alltäglichen Dasein erlangt: in der Früh weckt es uns mit unserem Lieblingslied, auf dem Weg zur Arbeit beantworten wir wichtige Mails, später verabreden wir uns mit seiner Hilfe zum Lunch, werden automatisch an unsere Termine erinnert oder beim feierabendlichen Workout motivierend durch Musik begleitet.

Ängste der „Offliner“

Rund 20% der Deutschen sind noch offline und das – wie oft angeführt wird – aus Angst vor dem “Internet” (D21-Digital-Index, 2015; Digitaler Salon: Digitale Enthaltsamkeit, 2016). Doch müsste man hier nicht auch mal die Perspektive wechseln? Hat sich inzwischen nicht schon eine viel größere Angst bei einer viel größeren Masse der “Onliner” eingeschlichen?

Zurück zu den Schlangen. Schlangenphobie: giftige Schlange = gefährlich → Angst vor ihnen: macht Sinn. Onlinephobie: Unbekanntes und Neues im Netz → Angst davor: ist nachvollziehbar. Nomophobie, eine Wortschöpfung aus „no-mobile-phone phobia“: Angst davor, ohne Handy-Kontakt zu sein (Bahl & DeIuliis, 2015) = ?. Ist es in unserer heutigen Welt tatsächlich gefährlich, ohne Handy auskommen zu müssen?

Ängste der „Onliner“

53% der Smartphone-Nutzer sind von Nomophobie betroffen, d.h. sie verspüren Angst, wenn der Akku leer ist oder sie ohne Netzwerk sind

Laut einer Studie des britischen Postamts (Bahl & DeIuliis, 2015) sind 53% der Smartphone-Nutzer in Großbritannien von Nomophobie betroffen, d.h. sie verspürten Angst, wenn sie ihr Handy verloren hatten, der Akku leer war oder außerhalb des Netzwerks war. Das Ausmaß der Angst war dabei vergleichbar mit dem eines Heiratsantrages oder eines bevorstehenden Zahnarztbesuches (Bahl & DeIuliis, 2015). Bei Studienteilnehmern, die wärend eines Experiments einen Anruf auf ihrem iPhone nicht entgegen nehmen konnten, verschlechterte sich die Konzentration und Arbeitsleistung. Damit einher ging eine Erhöhung der Herzfrequenz, des Bultdrucks sowie das Auftreten von Angstgefühlen, Unwohlsein und eine Abnahme des “eigenen erweiterten Selbst” (Clayton, Leshner & Almond, 2015).

Krankhafte phobische Störung

Erschreckend. Neue Technologien bergen schließlich ein großes Potential, eine große Erleichterung für unser alltägliches Leben. Apps, ständige Erreichbarkeit haben uns viel Freiheit geschenkt: wir können problemlos in einer unbekannten Stadt von A nach B gelangen, wir können unterwegs Mails beantworten und Geld versenden. Auf der anderen Seite schränken uns die neuen Möglichkeiten allerdings auch in unserer Freiheit ein: wir fühlen uns verpflichtet, in kürzester Zeit auf Nachrichten zu reagieren, wir verspüren ein gewisses Unwohlsein, wenn wir unser Smartphone mal nicht kurz checken können. Auch wenn die Nomophobie noch nicht offiziell anerkannt ist, stimmen diese Symptome mit denjenigen einer Phobie – es wird dann von einer phobischen Störung als Krankheit gesprochen – überein (vgl. ICD-10 F40.2, spezifische Phobien):

  • „Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen“
  • „diese Situationen [werden] typischerweise vermieden oder mit Furcht ertragen“
  • „Einzelsymptome wie Herzklopfen oder Schwächegefühl (…), Kontrollverlust“
  • „allein die Vorstellung, dass die phobische Situation eintreten könnte, erzeugt meist schon Erwartungsangst“

Strategien um gesund zu bleiben

Damit es gar nicht erst so weit kommt – stell dir die Frage: Habe ich ab und zu ein ungutes Gefühl, wenn mein Akku leer ist oder ich mein Smartphone aus einem anderen Grund nicht benutzen kann?

Was kannst du dagegen tun, wenn du dich darin wieder findest? Traniere ab und zu auch mal mit weniger Smartphone und Internet auszukommen.

  • Nimm dir öfter mal eine OFFTIME und stell den “Full Block” oder den “60 Sekunden Block” ein. Mit der Android-Version kannst du auch bestimmen, welche (überlebenswichtigen) Kontakte und Apps trotzdem noch funktionieren sollen.
  • Ruf deine Freunde an und mach einen festen Termin aus, anstatt den Termin ständig über soziale Medien hin und her zu verschieben.
  • Nimm dir ein Buch zum Lesen in der U-Bahn mit, anstatt sinnlos die Zeit auf Facebook tot zu schlagen.
  • Leg dein Smartphone außer Sichtweite (da schon die Anwesenheit einen Einfluss hat) und so weit weg wie möglich, so dass es einen gewissen Aufwand für dich bedeutet, es zu holen. Du wirst dir zweimal überlegen, ob du es wirklich brauchst und Selbstkontrolle ist begrenzt
  • Versuche dich selbst in deiner Stadt zu orientieren und nicht blind Google Maps zu vertrauen.
  • Stell dein Handy auf lautlos.

Wenn das alles nichts hilft, lohnt es sich, eine professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen.

Schließlich sollte die Abwesenheit unseres Smartphones nicht auf einer Stufe mit der Anwesenheit einer lebensbedrohlichen Schlange landen.

 

Andrea Götz liebt dunkle Schokolade und Italien, studiert Psychologie an der Humboldt Universität zu Berlin und hat in den letzten Wochen bei OFFTIME dutzende Interviews mit den Offtimern durchgeführt. Besonders erstaunlich fand sie dabei wie unterschiedlich die Offtimer waren – und auch wie viele Leute Probleme haben, das Smartphone einfach mal weg zu legen, jedoch Lösungen dafür suchen und sich dann in ihren Offtimes mit starken Entzugserscheinungen und Zwängen herum schlagen müssen.

 

Zum Nachlesen:

  • Bahl, R. R. & DeIuliis, D. (2015). Nomophobia. Encyclopedia of Mobile Phone Behavior, (1992), 745–754.
  • Clayton R.B., Leshner G., Almond A. (2015) The extended iSelf: the impact of iPhone separation on cognition, emotion, and physiology. Journal of Computer-Mediated Communication, 20: 119–35.
  • D21-Digital-Index 2015. Die Gesellschaft in der digitalen Transformation. Eine Studie der Initiative D21, durchgeführt von TNS Infratest. http://www.initiatived21.de/portfolio/d21-digital-index-2015/ [25.05.2016]
  • Panel Experten (25.05.2016). Digitaler Salon: Digitale Enthaltsamkeit, HIIG http://www.hiig.de/events/digitaler-salon-digitale-enthaltsamkeit/
  • Krollner, B. & Krollner, D. M. (2016). ICD-Code F40. Verfügbar unter http://www.icd-code.de/icd/code/F40.01.html [25.05.2016]
  • Nesse, R. M. (1990). Evolutionary explanations of emotions. Human nature, 1(3), 261-289.
  • Öhman, A. (1986). Face the beast and fear the face: Animal and social fears as prototypes for evolutionary analyses of emotion. Psychophysiology, 23(2), 123-145.
  • Öhman, A. (2009). Of snakes and faces: An evolutionary perspective on the psychology of fear. Scandinavian journal of psychology, 50(6), 543-552.