Focus & Digital Balance

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Schlagzeile statt Randnotiz – Minister zu Besuch bei OFFTIME!

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit ( OFFTIME ) © BMWi/Susanne Eriksson

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit ( OFFTIME )
© BMWi/Susanne Eriksson

“Gabriel blieb an der Work-Life-Balance-App hängen”, titelte zu unserer Freude die Welt letzte Woche. Statt einer Randnotiz hatten wir es in die Schlagzeile geschafft. Wie es dazu kam und was wir gelernt haben, erfahrt ihr hier.

„Hier sitzen ja nur Kerle rum“

Mittwoch, 13. August. Betahaus Berlin.

Bundeswirtschaftsminister Gabriel und Familienministerin Schwesig haben sich für einen Kurzbesuch ins Berliner Betahaus eingeladen, um mit Gründern und Gründerinnen ins Gespräch zu kommen. Auch bei uns wollen die zwei laut Plan Station machen.

Einen 40-köpfigen Pressetrott im Schlepptau stürmen Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig also unser kleines Großraumbüro und reißen alle aus ihrer alltäglichen Hektik. An unserem Tisch angekommen, zeigen sich die Beiden mit dem Hinweis auf unser männerlastiges Team erstmal zum Scherzen aufgelegt, ohne sich wirklich für die Gründe interessieren, warum anstatt 6 Frauen gerade bei uns 6 Männer an ihren Rechnern sitzen. Gerne würden wir der Ministerriege erzählen, dass wir uns Frauen für unser Programmiererteam gewünscht haben, aber nicht eine weibliche Bewerbung für unsere Ausschreibung erhalten haben. Gleichzeitig würden wir gerne positive Beispiele aus rein weiblich besetzten Gründerteams in unserem Umkreis nennen, aber so richtig drängend scheinen die Antworten den Ministern nicht zu sein. Stattdessen will man schnell eintauchen in die schöne neue Startup-Welt:

„Was machen Sie denn hier tolles?“

Da ist sie die Gelegenheit. Ein Bundesminister fragt uns vor versammelter Presse, warum wir machen, was wir machen und wir haben alle Aufmerksamkeit:

„Wir versuchen Leuten dabei zu helfen, mit den Problemen dauernder Erreichbarkeit und ständiger Vernetzung besser umzugehen.“

Die Minister am Haken

Ich erzähle, wie unsere App den Leuten helfen kann und wie das Ganze funktioniert.

Der Minister wird schnell neugierig und eine Frage führt zur nächsten. Themen wie Work-Life-Balance und Auszeiten von der ständigen Vernetzung scheinen sowohl Sigmar Gabriel als auch Manuela Schwesig brennend zu interessieren. Eigentlich waren für das Gespräch mit uns 5 Minuten vorgesehen, doch es gelingt uns, eine richtige Diskussion zu führen, die unser Thema in den Vordergrund stellt. Das liegt ganz offensichtlich auch daran, dass es um Probleme geht, zu denen beide MinisterInnen eine Meinung haben und bei denen beide selbst Betroffene sind. Gabriel versichert am Ende mehrmals, dass er unser bester Kunde wird und auch Manuela Schwesig ist begeistert.

Gabriel: „In meiner ( OFFTIME ) würde ich Zeit mit meiner Tochter verbringen. Und ich würde Segeln gehen.“

An dem Punkt, an dem sich zeigt, dass ein Gesprächsfaden zu Ende geht, versuchen wir, ein anderes Thema vorzubringen. Wir haben Anregungen zum EXIST-Stipendium zusammengefasst, mit dem uns das Wirtschaftsministerium seit Jahresanfang fördert. So geben wir Gabriel die Gelegenheit, sich offen zu zeigen und darauf zurück zu kommen, weshalb er hier ist: Die Förderung der Gründerinnen und Gründer in Deutschland. Am Herzen liegen uns dabei Punkte wie der, dass man für einen Antrag auf ein EXIST-Stipendium nicht gegründet sein darf – was uns daran hinderte, schneller an den Markt zu gehen. Gleichzeitig wollen wir darauf hinweisen, dass es steuerliche Probleme mit dem Stipendium und Nachteile bei der Beantragung des Elterngeldes gibt. In der anschließenden Pressekonferenz wird er darauf nochmal Bezug nehmen und sich für die Anregungen bedanken. Unsere Co-Working-Kollegen von functionaesthetics weisen in ihrem Gespräch mit Gabriel auf die diversen Probleme hin, mit denen Menschen aus anderen EU-Ländern zu kämpfen haben, die sich erstmals in Deutschland selbstständig machen wollen. Die zusätzliche Idee eines unbürokratischen europäischen Fördertopfes, derden Übergang von Festanstellung oder Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit erleichtert, können auch wir nur unterstützen!

Als wir am Ende unseres Gesprächs noch einmal nachfragen, ob Gabriel wüsste, was er in seiner persönlichen ( OFFTIME ) machen würde, wird er leidenschaftlich:

„In meiner ( OFFTIME ) würde ich Zeit mit meiner Tochter verbringen. Und ich würde Segeln gehen.“

Was bleibt von 15 Minuten Adrenalin?

Nach rund 15 Minuten, vielen Fragen und vielen Antworten später, ist der Spuk vorbei. “Super Auftritt!” meint David, unser Mann für’s Marketing. “Klasse Rede von dir!” spricht mir Marc, unser Doctore, seine Bewunderung aus, weil ich die meiste Zeit gesprochen habe. Andreas, Head of IT, ist genauso gut gelaunt und ich kann mich – auch dank des kleinen Adrenalin-Kicks – der guten Stimmung nicht entziehen. Nur ein wenig Ärger bleibt, dass wir nicht alle unsere Ziele erreicht haben. Die waren:

  • Die beiden Minister zu einem Foto mit dem selbstformulierten Statement bewegen. Edding und Karton hatten wir schon im Vorfeld zurecht gelegt.
  • Die Visitenkarten der Assistenten beider Minister erhaschen.
  • Mit Gabriels und Schwesigs Hilfe Kontakte zu Gewerkschaften und großen Unternehmen bekommen.

Aus dem Ministerfoto mit Statement ist nichts geworden, aber es sind viele schöne Fotos entstanden. Die Visitenkarten haben wir nicht bekommen. An den Kontakten sind wir dran. Gleichzeitig passierte tags darauf etwas Unverhofftes: Von den Presseartikeln, von denen wir uns keine nennenswerte Erwähnung erhofft hatten, stellten mehrere das lange Gespräch mit uns in den Vordergrund ihrer Berichterstattung.

“Gabriel blieb an der Work-Life-Balance-App hängen”, titelte die Welt beispielsweise. Genial! Viele Presseleute tauschten mit uns Kontakte aus und interessierten sich weiter für das Thema. Offensichtlich hatte es sich gelohnt, mit Gabriel und Schwesig engagiert zu diskutieren. In der Pressekonferenz war Gabriel noch mehrmals auf das Gespräch mit ( OFFTIME ) zurückgekommen. Und so kam es, dass wir in diversen Artikeln ganz oben standen.

So haben wir am Ende noch mehr geschafft, als wir uns eigentlich vorgenommen hatten.

Hier geht’s zu den Artikeln zum Ministerbesuch:

Die Unberechenbarkeit des Augenblicks

Noch eine Stunde vor dem Termin wussten wir nicht, dass der Besuch der Minister hautsächlich darauf abzielte, Frauen zu ermutigen, sich in die Selbstständigkeit zu begeben. Als zurzeit rein männlich-besetztes Team standen wir da erstmal etwas komisch da.

Wir konnten auch nicht vorhersagen, wie sich das Gespräch vor Ort entwickeln würde. Ein Politiker wie Sigmar Gabriel kann einen mit seiner direkten Art durchaus aus der Fassung bringen. Wie würdet ihr reagieren, wenn eurer Gesprächspartner mit einem lauten “Ihr seid ja nur Kerle hier” auf euch zukommt? Wir sind froh, dass das Gespräch dann in die richtigen Bahnen kam.

Schließlich dachten wir, wir könnten uns glücklich schätzen, wenn wir wirklich 5 Minuten Zeit für den Austausch mit der Ministerriege bekommen würden. Am Ende waren es ganze 15 Minuten!

 

Die Berichterstattung, die auf den Besuch folgt, war nicht immer und überall in unserem Sinne. Teils wurden wir nicht namentlich erwähnt, teils wurden einzelne Statements herausgegriffen und der Kontext ausgelassen. Mehr noch als bei gezielten Artikeln zum eigenen Thema bzw. dem eigenen Unternehmen, ist man als “Nebendarsteller” der Verfälschung der eigenen Meinung ausgeliefert. Unsere Aussage z.B., dass wir trotz Suche keine Programmierer_innen fanden, aber positiv und unterstützend auf Initiativen wie die Berlin Geeketes blicken und auch viele rein weibliche Startups um uns sehen, wurde von der Bild lapidar verkürzt. Aber damit können wir leben und freuen uns über all die Aufmerksamkeit.

Wer versteht, dass ein Ereignis immer unberechenbare Momente in sich trägt, dass es eine Dynamik gibt, die sich nicht vorhersagen lässt, wird keine Pläne machen, die er/sie nicht halten kann. Er/Sie wird sich so aufstellen, dass er sich auf die Gelegenheit, die ein Augenblick bietet, bestmöglich reagieren kann.

Das Unberechenbare berechnen!

Ganz klar: Gute Vorbereitung lohnt sich. Wir haben diverse Punkte im Vorfeld vorbereitet, auf Papier gebracht und sichergestellt, dass wir einfach mit den Ministern ins Gespräch kommen. Das hat sich während des längeren Gesprächs ausgezahlt. Auf viele Fragen des Ministers waren wir bereits eingestellt, aber auch auf überraschende Punkte konnten wir flexibel reagieren und immer dann, wenn sich ein Aspekt in der Diskussion zu seinem logischen Ende kam, konnten wir oft einfach auf neue Punkte überleiten. Diese Breite der Diskussion bot dann wiederum die Grundlage für die Presseartikel und Erwähnungen.

Vielleicht hätten wir ein Bild von Gabriel & Schwesig mit ihrem OFFTIME-Statement bekommen können, wenn wir nur noch mutiger unseren Wunsch verfolgt hätten. Den “Move” hin zur Aktion mit Karton und Edding hätten wir besser einmal proben sollen. Gespräche lassen sich lenken – das gilt auch für ein Gespräch mit einem Bundesminister (oder zweien). Allerdings wäre das Gespräch danach vielleicht schnell zu Ende gewesen. Jedes Element, das man in ein Gesprächsmoment einbaut, dient als Einstieg in etwas anderes, aber auch als Ausstieg aus der Auseinandersetzung.

Die Visitenkarten der Assistenten wollten wir bekommen, da wir von unseren Co-Workingkollegen vom Urban Sportsclub den Hinweis bekamen, dass dieser Follow-up ihnen beim letzten Besuch vom damaligen Wirtschaftsminister Rösler am meisten geholfen hat. Dies schafften wir nicht wirklich, da eine Person ausgefallen war und kein Ersatz für diese Rolle geplant war. Auch hier hätte es sich gelohnt, den Ausfall zu kompensieren und mit Nachdruck vorzugehen.

Unser Fazit zum Ministerbesuch

  • Die Dynamik eines solchen Besuchs ist unberechenbar. Seid flexibel, auch bei den zu erreichenden Zielen.
  • Lenke das Gespräch und mach die Schlagzeile! Wenn du dafür sorgst, dass es mehr als ein Gesprächsthema gibt, zu dem man wechseln kann und mutig auch zu neuen Punkten überleitest, behälst du die Fäden in der Hand.
  • Stelle den Bezug zu den Gesprächspartnern her. Gabriel und Schwesig konnten sich offensichtlich persönlich in unserer Diskussion wiederfinden und waren deshalb sehr interessiert.
  • Verschaffe dir Zeit. Zeit bedeutet Aufmerksamkeit, Auffallen und bleibende Erinnerung. Die beste Methode: Eine Diskussion entfachen.
  • Antizipiere mögliche Diskussionthemen und Fragen. Bestimmte Fragen bekommen wir zu OFFTIME immer wieder und wir konnnten ziemlich gut vorhersagen, welche Fragen auch Gabriel stellen würde.
  • Bringe bestimmte Punkte und Verbesserungsvorschläge konkret auf den Punkt und aufs Papier. Da lässt sich drauf Bezug nehmen, erleichtert die Kommunikation und zieht auch weitere Kreise wenn die Dokumente weiter gereicht werden.
  • Spiele wichtige Szenarien und Varianten einmal durch, sodass sich alles natürlich und einfach anfühlt. Bedenke dabei einen Backupplan (z.B. Rollen klar vergeben und für einen Ausfall sorgen; Aufsteller und Aufkleber auch an der anderen Seite des Raumes anbringen und so sicherstellen, dass das Firmenlogo mit auf den Bildern ist), damit, auch wenn alles schief geht, es doch richtig geht.
  • Last but not least: bleibt in Kontakt, macht euer einzelnes Follow-up und schreibt, blogt und teilt eure Erfahrungen.

Bilder vom Event gibt’s hier auf unserer Facebook-Seite zu sehen.

Was sind Eure Erfahrungen mit Politker_innen und Presseterminen? Was habt ihr bei anderer Gelegenheit gelernt? Was würdet ihr das nächste Mal anders machen?

  • Liebe Offtime-Leute,
    ich bin zwar kein Assistent des Ministers, aber dafür Gabriels Pressesprecher – und war bei dem Termin im Betahaus dabei. Ich weiß, dass bei diesen Rundgängen immer viel zu wenig Zeit bleibt, aber die Terminkalender sind so wie sie sind. Ich fand’s jedenfalls bei euch ausgesprochen spannend (Gabriel ja auch). Vielen Dank!
    Ich habe schon viele Unternehmensbesuche, Messerundgänge etc. mitgemacht – aber natürlich immer auf der Seite der Politik. Mein globaler Eindruck: Alle machen sich im Vorfeld immer viel zu viele Gedanken. Was aber immer gut ist: Konkrete Verbesserungsvorschläge. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hat jemand von euch mir auch ein entsprechendes Schreiben in die Hand gedrückt – ich habe das jedenfalls gleich an die zuständige Abteilungsleiterin weitergegeben.
    Zum Schluss ein Geheimtipp für Begegnungen mit Sigmar Gabriel: Fragt ihn immer nach seiner direkten E-Mail-Adresse. Wenn ihr dir habt, schreibt ihm euer Anliegen. Er antwortet immer!
    Und wenn ihr den gewünschten Kontakte für ein Follow-up noch nicht habt: Schickt mir einfach eine Mail an tobias.duenow@bmwi.bund.de.
    Beste Grüße aus dem BMWi
    Tobias Dünow

    • Micha

      Das sind ja tolle Nachrichten! Und wir freuen uns wirklich, dass da Offenheit im Ministerium ist, auch konkrete Anregungen aufzunehmen. Wir schreiben gleich morgen eine E-Mail!

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